Wer hat den Stein ins Rollen gebracht?

Ein Kurzfilm des Jugendclubs II

„Ein kleiner Kieselstein, den hat noch nie eine Menschenseele interessiert, denn davon gibt es einfach viel zu Viele. Zu viele, um sie zu beachten, zu viele, um darüber nachzudenken.“ Und dennoch: hast du einen Stein im Schuh, kann dieser – sei er auch noch so klein – ziemlich störend sein.
Inspiriert durch aktuelle Geschehnisse und auf Basis von selbstgeschriebenen Texten, erarbeitete der Jugendclub II in digitalen Proben ein Video-Konzept, welches in einem Kurzfilm gemündet ist. Die Texte selbst werden nur bruchstückhaft im Video zu hören sein, aber alle schriftlichen Arbeiten der Spieler*innen sind auf dieser Seite nachzulesen.

Leitung: Veronique Nivelle, Martin Lorenz

Premiere:

So, 28.6.2020, 18 Uhr in unserem Festival-Livestream

Coronatexte mit Swag

Stella:

Von weit weg hört man ein Brüllen, ein Stein kullert uns entgegen. Der Stein scheint friedlich zu sein, er rollt und rollt, doch kommt einige Meter vor uns zum Stehen. Ein kleiner Kieselstein, den hat noch nie eine Menschenseele interessiert, denn davon gibt es einfach viel zu viele. Zu viele, um sie zu beachten, zu viele um darüber nachzudenken.

Die Frage woher der Stein kommt, stellt sich keiner, denn es ist nur ein Stein. Und weit weg da gibt es vielleicht ein paar größere Steine und vielleicht gibt es noch weiter weg einen ganzen Steinhaufen und irgendwo da draußen, weit weg von uns, da gibt es ein Geröll. Vielleicht kommt es sogar näher und immer weiter auf uns zu, doch was kümmert uns das, denn vor unseren Haustüren da sehen wir kein Geröll, da sehen wir nur ein paar Kieselsteine, die zu unscheinbar sind, um beachtet zu werden.

Irgendwo hören wir, dass das Geröll immer näher kommt und den ein oder anderen fröstelt es und der ein oder andere stellt ein paar Vermutungen auf, doch der Großteil, die Masse, schaut auf den Boden und dort sehen wir eben nur ein paar Kieselsteine. Vor unseren Haustüren, vor den Türen unserer Stadt, da ist nichts zu sehen. Und wenn wir auf dem Boden, der sich direkt vor uns ausbreitet, nichts sehen, dann kann dort auch nichts sein.

Unsere Stadt steht, irgendwo da draußen ein Geröll, das näher kommt, vermutlich näher kommt. Doch noch lange nicht nahe genug, um zu handeln. Noch lange nicht nahe genug, um zu planen. Noch lange nicht nahe genug, um umzudenken.

Denn solange unsere Stadt steht, müssen wir nichts befürchten und solange wir es nicht mit unseren eigenen Augen sehen, müssen wir es auch nicht glauben.

Unsere Stadt steht, ein paar Städte entfernt ein Geröll und einige warnen und schreien. Doch es ist nicht hier bei uns, also wieso sollen wir handeln, planen, umdenken.

Wir strengen uns an, die Augen nur nicht vom Boden vor der eigenen Haustür zu lösen, sondern den Blick auf den Boden vor der Haustür heften. Schau dich nicht um. Starr auf den Boden vor deiner Haustür.

Denn unsere Stadt steht, irgendwo ein paar Meter entfernt ein Geröll, Rufe, Warnungen. Doch unsere Stadt steht.

Wir starren auf den Boden vor unserer Haustür und ein paar Haustüren weiter, da ließe sich ein Schrei wahrnehmen. Und langsam, ganz langsam wird er lauter und schriller und es werden nach und nach immer mehr. Und unsere Blicke sind auf den Boden vor uns geheftet, doch ein Wind kommt auf. Die Steine vor unseren Haustüren werden größer und größer und auch direkt vor unseren Füßen, da sehen wir nun das Geröll und wir fangen an zu rennen und zu schreien und zu warnen und die Schreie werden lauter, schriller und immer mehr.

Wir stehen nicht mehr vor der Haustür und starren auf den Boden. Solange das Geröll unsere Stadt verwüstet, gibt es keinen Weg mehr nach draußen und wir hoffen und beten das Geröll ziehe vorbei.

Und doch sitzen wir in unseren Häusern und fragen uns: wie konnte es so weit kommen? Denn das kam doch alles so unerwartet und alles was wir sahen, waren ein paar Kieselsteine vor der Haustür.

Unerwartet, unvorstellbar.

Und von weit weg hört man ein Brüllen…


Jakob:

Draußen regnet es.

Ich sitze rum und fokussier die Fliege vor mir, die seit 10 Minuten versucht aus dem Zimmer zu entkommen, indem sie ihren kleinen Kopf gewaltsam gegen die Scheibe rammt. “Bringt nichts, glaub mir, hab ich auch schon versucht.”

Stattdessen lege ich mich auf meinen Teppich, um die Decke anzustarren. Neben „Tatenlos meinen Mathe-Hefter in der Hand halten“  und „30 minuten lang die gleichen 2 Akkorde auf der Gitarre spielen“ war das noch der Punkt, der mir auf meiner heutigen To-Do-Liste gefehlt hat, weswegen ich mich zufrieden zurücklehne, um mit meinem Blick der hässlichen Raufasertapete zu folgen.

Meine Konzentration richtet sich auf die winzigen Strukturen, die formlosen Linien, dreckig-weißes Relief, Tapete gewordenes Chaos. Die Erhebungen formen Berge, Städte, Königreiche. Ich sehe Gesichter und Landschaften, einen Magier, der Drachen bekämpft, Tempel die zerfallen, einen Dschungel, der vertrocknet, ich sehe einen Wanderer mit Falken, eine Wüste aus Salz, einen Baum ohne Wurzeln. Aus dem Wasserloch wachsen Metallstreben, aus dem naheliegenden Bach ein Handelsweg. Staaten entstehen und bekriegen, rächen und versöhnen sich, Gesellschaften werden reicher und übermütiger. Babylon ist kein Wort, Babylon wird ein System. Aus der Tiefebene strecken sich die Hochhäuser, Machtgehabe einer Welt, die seit dem ersten Tag seine Minderwertigkeitskomplexe ignoriert. Ich beobachte den Sündenfall einer Zivilisation, die so satt ist, dass sie sich selbst verdaut. Der Virus ist kein Angriff, der Virus ist eine Reaktion. Bröckelnd stürzt das zusammen, was ihr für normal gehalten habt, eine Welt versinkt und alle schauen zu. Babylon ist kein Wort, Babylon ist ein Urteil. Meine Decke kracht unter der Last einer schreienden Menschheit, das Chaos meiner Tapete nur Projektionsfläche eurer Wahrheit. Lüge, Gerechtigkeit, Sinn – alles Konstrukte kleiner Gipshügel. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Babylon ist kein Wort, Babylon ist unvermeidlich.

Zurück bleibt nur ein Wanderer in einer Wüste aus Salz und ein Junge, der auf seinem Zimmerboden liegt, während er langsam ausatmet.

Die Wassertropfen am Fenster sind beruhigend.

Ich sollte mal rausgehen.


Emilia:

Interessant und erbärmlich zugleich, wie man – wenn gerade alles & man selbst nicht so läuft, nicht mehr wissend wie und wohin überhaupt – wie man dann jede zufällige Unwichtigkeit als eine Metapher auf das sich verkorkst anfühlende, eigene Leben sieht: 

Den einen besonderen Bleistift, den man im Chaos auf dem Schreibtisch minutenlang nicht findet, obwohl er gerade noch da war. Den Abwaschschwamm, der, statt am Beckenrand liegen zu bleiben, zurück ins Spülbecken fällt. Den Kaffee, den man – in der Hoffnung, ihn als Allzweckwaffe gegen die dauerhafte Müdigkeit einsetzen zu können – zu stark aufgegossen und dann so lange verdünnt hat, bis er lauwarm und schließlich kalt ist, wenn man ihn trinkt. 

Ich schreibe To-Do-Lists, 

um sie dann nicht abzuhaken

lediglich, um sie resigniert in den Müll zu tragen.

Augenblicke 

Mit Euphorie im Herzen aus der Haustür geschritten, in die so vermisste Welt da draußen. Im Wald spazieren gewesen, anderthalb Stunden oder so. Das Licht in den Bäumen, als würde die Sonne den Frühling und seine grünenden Blätter taufen. Wunderschön. Den schiefen Gehweg entlang, das Kopfsteinpflaster unter den Füßen gespürt. So fühlt sich Leben an. Die Füße tun weh. So fühlt sich Sommer an. Die Menschen, die Straßen sehen wie Sommer aus. Glück. Gerannt, in die Sonne gesprungen, innegehalten, an der Magnolie gerochen. Berauschend. Und dann: das bekannte Geräusch des Schlüssels im Schloss der Haustür, das vertraut kühlende Treppenhaus. Dankbarkeit.


Stella W.:

Ich sitze hier, schaue abwechselnd in das Nichts in meinem Zimmer, dann wieder auf mein Handy. Nichts passiert, nichts bewegt sich. Keine Nachrichten, was soll ich dann mit dem Handy? Das heißt wohl wieder: Zeit für mich alleine. Was könnte ich machen?

Schule? Es fehlt die Motivation. Etwas backen oder kochen? Die Zutaten fehlen, ich müsste also nochmal einkaufen, dafür fehlt mir auch die Motivation. Etwas zeichnen vielleicht? Es fehlt die Inspiration. Dann wird es wohl doch wieder ein Fluss voller Gedanken. 

Meine Gedanken…will ich sie überhaupt denken? Zu spät, um sich dagegen zu entscheiden, denn bereits beginnen sie ihren ewigen Kreislauf in meinem  Kopf. Sie bilden sich und steigen aus ihren Poren hervor. Langsam quälen sie sich aus den dunklen Ecken meines Hirns und schweben dann schlussendlichen in dessen unendliche Weiten. Es kommen mehr und mehr, sie stoßen aneinander, verbinden sich, trennen sich wieder und drängen sich mit anderen aneinander. Am Ende verschwinden sie wieder, doch was bringt das? Wenn ein Gedanke verschwindet, so kommen zugleich sechs weitere wieder neu hervor.

 Mein Kopf wird überfüllt von ihnen, alles dreht sich im Kreis, meine Umwelt verschwindet in der Dunkelheit, die mich nun umgibt. In meinen Gedanken sind auch Menschen. Menschen, die ich nicht sehen kann. Menschen, die mir nahe sind. Doch wie sehen sie aus? Ihre Gesichter sind verzerrt, meine Erinnerung verblasst. Wer sind diese Leute? Sie sind in meinem Leben, das weiß ich. Sie sind mir wichtig, das weiß ich auch. Ich will zu ihnen, doch kein Erfolg, je mehr ich mich nach ihnen strecke, desto weiter entfernen sie sich. Ich kann nicht, ich darf sie nicht erreichen, so wie in der realen Welt zurzeit…

Doch ich will, also stürme ich weiter in das Gewirr meiner Gedanken. Ich trete in die Schlingen und werde von meinen Beinen gerissen. Ich stehe auf, mühsam, aber ich muss weiter. Jeder Schritt bringt mehr und mehr Gedanken hervor, sie greifen nach mir, wollen mich hier festhalten. Doch langsam, ganz langsam, sehe ich, wer ich bin, meine Gedanken zeigen es mir. Ich lasse mich von ihnen ergreifen, einschließen. Sie bilden einen Kokon um mich herum, für meine Entwicklung zu mir selbst. Ich lasse mich darauf ein, ich kann es spüren, ich lerne, ich komme meinem Ziel des Kampfes näher, und die verzerrten Gesichter von Menschen, die mir wohl wichtig sind führten mich hierher. Ihnen habe ich es zu verdanken. Gleich ist es soweit, jeden Moment. Ich kann es schon spüren, gleich, gleich…

Mein Handy gibt ein klingendes Geräusch von sich. Ich habe eine Nachricht bekommen. Diese Nachricht brachte mich aus meinem ewigen Gedanken. Heraus aus meiner Selbstfindung. 

Es soll mir wohl nicht leicht gemacht werden. Ich schaue auf die Uhr, keine Stunde ist vergangen, war es dann überhaupt wirklich? Ich antworte auf die Nachricht, und vergesse alles was gerade geschehen ist. Es war nur ein Gedankenfluss, wie jeder andere.

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